Sie sind hier: Startseite
Journalist und Künstler. Tobias Greiner hat daraus eine neue Kunstform gemacht, den Journartismus.

Journalist und Künstler. Tobias Greiner hat daraus eine neue Kunstform gemacht, den Journartismus. 

Foto: M. Langjahr

Das Beste aus zwei Welten

Tobias Greiner aus Ludwigsburg ist der weltweit erste und bis dato einzige Journatist. In seinen sehenswerten Arbeiten macht er sich Gedanken über Gott und die Welt. Wobei Gott auch ein Immobilienmagnat und die Welt auch der Planet Mars sein kann. Bis zum 15. Februar hängt eine Auswahl seiner Zeichnungen im Salon des Kunstvereins Ludwigsburg.

Ludwigsburg: Seine Schüler im Friedrich Schiller Gymnasium Marbach kennen ihn als den Herrn Greiner, der ihnen so schön die Welt der Kunst näherbringt. Seine Kunstprofessoren in Stuttgart (Alexander Roob) und in Düsseldorf (A. R. Penck und Jörg Immendorff) nahmen ihn in ihre berühmten Malklassen auf, weil seine Arbeiten etwas hatten.
Was genau? Das lässt sich in diesen Tagen in einem der ältesten Weinkeller Ludwigsburgs bestens studieren. Denn dort, im zum Salon des Kunstvereins Ludwigsburg umgebauten Natursteinkeller aus dem Jahre 1733, sind vier Serien aus Tobias Greiners fantasievollem und durchaus zeitkritischem zeichnerischen Werk unter einem Gewölbe vereint.
Bevor wir uns der Häuserserie „Houses“, den „Postcards from the Carribean“, den Möchtegern-Marstronauten von „Mars One“ und der US-amerikanischen „Drohnenabwehr“ näher zuwenden wollen, bedarf die Berufsbezeichnung „Journatist“ einer kurzen Erläuterung.
Wer bei diesem Berufsbild an einen Wortkünstler denkt, der geschickt mit Wörtern jonglieren kann, der liegt haarscharf daneben. Ohne Zweifel ist Tobias Greiner, der schon für überregionale Blätter wie die SZ und die taz gearbeitet hat, auch ein Meister des Worts, doch seine Leidenschaft sind die Recherchen in Milieus, deren Ergebnisse er zu brillanten Zeichnungen destilliert.
Er ist also ein Journalist, der mit den Mitteln des Künstlers, eines Artisten, arbeitet und zugleich ein Künstler, der, von journalistischer Neugier getrieben, zu zeichnen beginnt.

Der Journatist
Und wo er sich schon überall herumgetrieben hat, der Journatist. Unter den Brücken von Los Angeles, an den Fließbändern bei Porsche, als potenzieller Mieter in einem ehrenwerten Haus im Stuttgarter Süden stieß er auf die Spur eines in München lebenden Immobilienbesitzers, dem halb Stuttgart gehört, dann erkundigte er sich über die Motive der Menschen, die sich für eine Mars-Mission beworben hatten, dann wieder las er alles über die von Deutschland aus gesteuerten Einsätze der US-Drohnen in aller Welt, und auch das Schicksal von zwanzig Uiguren ließ in nicht kalt, die unglücklich aber vor allem unschuldig in der Karibik und dort im Militärgefängnis in Guantanamo Bay gelandet sind. Auf schwäbischen Schleppertreffen fotografiert der sympathische 38-Jährige die stolzen Besitzer mit ihren Maschinen, und neuerdings denkt er über eine Studie der Myliusstraße in Ludwigsburg nach, in der er zuhause ist. Einem zeichnenden Journalisten gehen die Ideen eben nie aus.
Doch nun, die Frage aller Fragen: Wie sind seine Zeichnungen? Antwort: Sie haben was. Auf einem Blatt aus der Serie „Houses“ kleben die Stuttgarter Häusle so abrutschgefährdet auf der Halbhöhenlage wie bei Wassily Kandinsky die Häuser der Murnauer Berglandschaft.
Tobias Greiners mit schwarzen Faserstifen der Marke E. gezeichnete Menschen sind allesamt Strichfiguren, die etwas zu sagen haben - Drawing (Zeichnen) und Talking (Sprechen). Kein Wunder, dass sich Greiner auch als „Drakler“ bezeichnet.
Mann kann nur jedem Salon-Besucher empfehlen, vor jedem Blatt etwa länger zu verweilen. Die Details sind gar zu gut, und auch die Texte in englischer Sprache haben es in sich.
Bei der Deutung der nur scheinbar skizzenhaft hingeworfenen Zeichnungen Greiners darf jeder Betrachter seiner Fantasie freien Lauf lassen. Der Künstler hat sich diese Freiheit bei seinem Journartismus auch genommen. 

Michael Langjahr