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Da bandelt sich etwas an: Zahlkellner Leopold (Nina Maria Föhr) und Rössl-Wirtin Josepha (Jens Woggon) im Clussgarten.

Da bandelt sich etwas an: Zahlkellner Leopold (Nina Maria Föhr) und Rössl-Wirtin Josepha (Jens Woggon) im Clussgarten.

Foto: ThS 2018

Im wilden Rössl!

Der Sommer in Ludwigsburg hat seinen Überraschungserfolg, seine echte Sensation. Der erste Preis geht an eine Inszenierung des Theatersommers im Clussgarten. Seht, was Regisseur Peter Kratz aus dem beliebten Sing- und Lustspiel „Im Weißen Rössl“ gemacht hat!

Ludwigsburg: Die Freilichttribüne biegt sich unter Maximallast. Nur zwei Plätze sind noch frei. Aber auch nur deshalb, weil sich die Kartenbesitzer in der Anfangszeit geirrt haben. „Wer lesen kann, ist im Vorteil“, werden sie später sagen. Unterdessen ist die Laune bei denen, die es rechtzeitig geschafft haben, hervorragend. Man schlürft Aperol Spritz, trägt Sommerkleider und Sandalen.
Die Stimmung wird noch besser, als ein hanseatischer Seemann das verehrte Publikum zum Schunkeln animiert.
Er, der im Salzkammergut zum Leichtmatrosen wurde, macht das so gut, dass sich alle unterhaken. Dann legt das Motorschiff an. Nicht etwa beim Weißen Rössl zu St. Wolfgang, wo unter anderem Oscar Blumenthals Komödie aus dem Jahre 1896 oder Ralph Benatzkys Singspiel aus dem Jahr 1930 spielen, sondern gebnau eine Anlegestelle vorher, im Wilden Rössl am Ludwigsee.
Wie ein Schiff so mir nichts, dir nichts von einem See in den anderen wechseln kann, das bleibt ein Geheimnis der Vorstellung. Es ist aber auch egal. Denn im Theater, in der Fantasie ist alles erlaubt. Es muss nur gut gemacht sein. Und das gelingt der mutigen Inszenierung von Peter Kratz bis ins Detail. Der Ludwigsburger Regisseur beweist mit diesem launigen Volksstück einmal mehr, wie grandios er sein Handwerk beherrscht.
Jawohl, es wird viel gelacht an diesem Abend. Die Auswahl an bekannten Liedern ist so gut und so passend, dass sogar der Nachbar - ein älteres Semester - beim jedem Song anfängt mitzusingen. Erstaunlich, diese Textsicherheit.
Dem Zuschauer kann es egal sein, warum er lacht. Hauptsache er hat seinen Spaß. Der Regisseur hingegen, muss sich genau überlegen, wie er genau dieses Ziel erreichen kann. „Ich war mir bis zur Premiere wirklich nicht sicher, dass die Rechnung aufgehen würde“, sagt Peter Kratz nach der umjubelten Vorstellung. Die Zweifel ehren ihn. Doch sie waren unbegründet, denn er hat alle Regeln, die eine Komödie zum Erfolg führen, gewissenhaft befolgt.

Warum ist die Inszenierung so gut?
Erstens. Das Weiße, oder richtigerweise, das Wilde Rössl balanciert so gekonnt über dem Abgrund des Banalen, dass es immer spannend bleibt. Bei manchen Späßen ist die Inszenierung auch nur um Haaresbreite entfernt vom Klamauk, vom Kitsch. Doch genau in dem Augenblick, da der Theaterdampfer im Meer des Gewöhnlichen unterzugehen droht, lenkt Kapitän Kratz ihn wieder souverän ins Fahrwasser der Theaterkunst.
Zweitens: Das Ensemble ist überragend. Bernadette Hug, Nina Maria Föhr, Bernhard Linke. Christine Last und Jens Woggon kann man nur beglückwünschen. Sie alle wechseln ihre Kostüme in Sekundenschnelle, sie alle geben dem Theateraffen auf hohem Niveau mächtig Zucker - ein Genuss, ihnen zuzusehen,
Drittens: Peter Kratz nutzt das Repertoire des Komischen extrem gut aus. Eines dieser Elemente ist die Fallhöhe. Wenn ein erfolgreicher Berliner Pharmaunternehmer in der Sommerfrische plötzlich Sepplhosen und fremder Leute Koffer trägt, dann kommt er nicht nur sich selbst komisch vor, es geht auch dem Publikum so.
Ebenfalls immer ein bewährtes Mittel. Der subtile Wortwitz: Zum Beispiel die Verballhornung moderner Hotelportale mit der Bezeichnung „Trivialagogo“.
Zum Thema: Virtuoser Einsatz von Situationskomik gepaart mit Insiderwissen: Ist es nicht herrlich, wenn sich der Berliner Dr. Giesecke beim schwäbischen Zahlkellner Leopold beschwert, dass es nicht genug sei, dass die Schwaben den gesamten Prenzl-berg besetzt hielten, jetzt würde sie ihnen auch noch die Hotelzimmer nehmen?
Viertens: Travestie, Genderproblematik mit einem Plädoyer für die Vielfalt, das jeden rührt im Publikum, dann die in Komödien üblichen Verwirrungen der Liebe, die sich unter dem Applaus der Zuschauer in Wohlgefallen auflösen, die Kostüme von Laura Yoro, die von Anfang an deutlich machen, wer zu wem gehört (Wirtin Josepha und Kellner haben zum Beispiel ein Faible für Tätowierungen) - all das ist so sehenswert, dass die beiden zu spät Gekommenen wiederkommen müssen, um sich auch noch den ersten Teil zu gönnen. Und die anderen, die das Stück noch nicht kennen, sowieso. Am „Im weißen Rössl“ führt in diesen Sommer kein Weg vorbei.

 

INFORMATION
Im weißen Rössl, Theatersommer Ludwigsburg, Clussgarten, Stuttgarter Straße. Nächste Aufführungen: 10. August bis 12. August Und dann weiter bis zum 8. September durchgängig mit Spielpause am Montag. Karten: Online auf der Seite: www.theatersommer.net oder telefonisch:(0 71 41) 2 4 23 1 55
 
Michael Langjahr